25.05.2011 Jena - Erfurt - Frankfurt - Paris

Seine ParisEigentlich ein Tag, wie jeder Andere. Das Wetter ist  herrlich, nur ich fahre nicht wie gewohnt mit dem Auto zur Arbeit, sondern setze mir den roten Rucksack auf und laufe.

Vorher habe ich noch die restliche Erdbeertorte vom Geburtstag meines Schatzes aufgegessen und verlasse munter das Dorf in Richtung meiner Arbeit.

Auf dem Weg durch den Ort rufen mir freundlich zwei Nachbarn zu „Mario, wo willst Du denn hin?“. Ich winke und rufe herzlich zurück „nach Spanien“ und gehe dabei zielstrebig weiter.

Die Blicke verraten mir, was sie nicht aussprechen. „Jetzt ist er wohl völlig verrückt.“

Ich ziehe weiter und wie es sich für einen ordentlichen Arbeitgeber gehört, gehe ich noch einige Stunden zur Arbeit, schließlich fährt mein Zug erst um 13:30 Uhr.

Noch einen Kundenbesuch, einige dringend zu erledigende E-Mails beantworten, ein paar Telefonate, Banküberweisungen und Übergabe der offenen Arbeiten an die gute Fee des Hauses, dann holt mich mein Schatz ab und fährt mich zum Bahnhof.

Das letzte mal sind wir den Jakobsweg gemeinsam gelaufen und diesmal bringt sie mich zum Zug. Ich habe Ihr noch ein Ferrero Küsschen aufs Kopfkissen gelegt und einen Zettel mit der Aufschrift: “Schlaf schön. Ich liebe Dich.“

Vor 3 Wochen haben wir Silberhochzeit gefeiert und ich liebe sie, wie am ersten Tag.

Muss ich erst auf einen blöden Berg fahren, um das zu merken?

Ich habe ständig das Gefühl, etwas vergessen zu haben. Dies nutzt mein Schatz auf dem Bahnhof aus, um mir noch ein Geschenk zu überreichen. Eine Süßigkeiten-Überlebensbox und eine Taschenlampe damit ich mich nicht verirre.

Diese Frau schafft es immer wieder, mich zu überraschen.

Und schon sitze ich im Zug nach Erfurt. Ein kurzer Blick zurück und los geht die zweite Etappe des Abenteuers, welche eigentlich vor acht Monaten als erste hätte stattfinden müssen. Und weil ich nun mal so bin, muss ich das jetzt alleine zu Ende bringen. Der Zug rollt gemütlich durch die Landschaft und ich erreiche bequem meinen ICE nach Frankfurt.

Ich bin gerade 2 Stunden vom Büro weg, da ruft der erste Kunde an. „Was ist denn bei Euch los? Im Büro geht keiner ans Telefon.“ Zehn Minuten später das gleiche Spiel. Ich bin genervt. Eigentlich wollte ich mich nicht ärgern, aber ich könnte bereits platzen. Ein Rückruf meinerseits in der Firma bringt leider auch keine Aufklärung, vermutlich haben die Kunden alle einfach nur die falsche Nummer gewählt.

Der ICE ist pünktlich auf die Minute in Frankfurt. Ankunft auf Gleis 6, Weiterfahrt ab Gleis 18. Umsteigezeit 20 Minuten. Das sollte kein Problem sein. Also trotte ich gemütlich zu Gleis 18. Kein TGV. Super, heute fährt der TGV nach Paris ab Gleis 1a. Von wegen 20 Minuten Zeit. Ich also zurück zu Gleis 1. Dort fährt nun wieder ein ICE ein. Zum Glück erklärt eine Dame vom Bahnpersonal einem genauso verdutzten Suchenden wie mir, dass sich Gleis 1a außerhalb des Bahnhofes befindet und der TGV (Train à grande vitesse) bereits wartet.

Der TGV von Frankfurt nach ParisIch komme dem Teil näher und es sieht beeindruckend aus. Auf dem Zug steht 574,8 km/h Spitzen- geschwindigkeit. Das muss ich fotografieren. Ich habe Wagen 5, Platz 33, rückwärts zur Fahrtrichtung, am Fenster. Prima, 574,8 km/h rückwärts durch die Botanik, mir ist jetzt schon schlecht. Der TGV ist von Komfort und der Qualität nicht mit unserem ICE vergleichbar. Eher etwas in die Tage gekommen und die Klimaanlage bläst mir sehr kalte Luft in die Augen. Aber immerhin, ich bin auf dem Weg nach Paris. Eher gemütlich sanft gleiten wir wie in einem französischen Auto bequem und unspektakulär über Mannheim und Karlsruhe Richtung Straßburg. Eigentlich komisch, in meiner Verwandtschaft fahren viele Leute französische Autos. Offensichtlich lieben sie diese Gemütlichkeit. Ich fahre kein französisches Auto. Ich bin lieber auf der Autobahn als in der Werkstatt.

Zwei Kundenanrufe später verlassen wir Deutschland.

Plötzlich passiert etwas Seltsames. Ein erstaunliches Summen und Brummen von Elektromotoren versetzt den Zug in Schwingungen, dass ich blass werde. Ich bin selbst Pilot, aber solch einen Vorschub habe ich noch nicht erlebt. Eine Wahnsinnskraft treibt diesen TGV nach vorn, so dass ich das Gefühl habe, in einem Spaceshuttle zu sitzen und gleich unsere geliebte Erdatmosphäre zu verlassen. Einfach gigantisch. Ich wusste es. Die haben hier Atomkraftwerke und irgendwas ist da in dem Strom drin. Ich trau mich gar nicht, mein Handy an die Bordsteckdose anzuschließen. Am geilsten ist das Gefühl, wenn der Zug über eine Autobahnbrücke düst. Dann steigt er an, erreicht den Zenit und rast danach in ein Tal. So muss sich ein Parabelflug anfühlen. Plötzlich bebt der Wagen und die Scheiben wackeln. Mitten auf freier Strecke ist uns ein zweiter TGV begegnet. Wenn der nun auch 574,8 km/h schnell war, dann sind wir uns gerade mit 1.149,6 km/h entgegengekommen. Die sind hier komplett verrückt.

Die Kühe auf der sattgrünen Wiese scheint das wenig zu interessieren. Ich wüsste zu gern, was die denken.

Ich war noch niemals in Paris und so ist meine Erwartungshaltung entsprechend hoch. Wenn man mit dem Zug die Vorstädte von Paris erreicht, so ist Paris eher unspektakulär. Industrieanlagen, Hochhäuser, Schallschutzmauern und plötzlich bist du auf die Minute genau in Paris Gare de l´Est.

Ich muss quer durch die Stadt zum Bahnhof Paris Gare d´Austerlitz. Jan, der Reiseveranstalter meines Vertrauens, hat mir auch gleich noch den Fahrplan der Metro Linie 5 von Gare de l´Est nach Gare d´Austerlitz ausgedruckt. Aber ohne mich; schließlich will ich die Pyrenäen überqueren, bin das erste mal in Paris und habe über zwei Stunden Zeit. Laut meinem Stadtplan sind das reichlich 7 km, das schaffe ich locker in einer Stunde. Ich sehe ein Schild „Sortie“ und meine nicht vorhandenen Französischkenntnisse sagen mir, dass das der Ausgang ist.

Die Sonne scheint wunderbar und es ist warm um 9:00 Uhr abends. Also überquere ich zielstrebig die Straße und folge dem Boulevard de Strasbourg. Das klingt für mich logisch, denn schließlich bin ich aus Richtung Straßburg gekommen und wenn jemand diese Straße hochkommt, dann kommt er unweigerlich zum Gare de l´Est und dann nach Straßburg. Also alles klar. Nach unzähligen Kreuzungen komme ich in den Boulevard de Sebastopol. Das haut meine Theorie um. Sevastopol liegt in Russland und da komme ich nicht her und dort will ich auch nicht hin. Im Übrigen hält hier Paris absolut nicht, was es verspricht. Es ist laut, hektisch und schmutzig. Die Gegend wird zunehmend so, wie eine Gegend, in welche man niemanden nachts alleine schickt und ich fühle mich unwohl. Natürlich hätte ich jemanden fragen können, aber ich bin ein Mann und kenne intuitiv den Weg. Naja, vielleicht wäre es ja einfacher gewesen. Die Gegend wird vertrauter und ich sehe eine Brasserie. Von meiner Tochter weis ich, dass das ein Bäcker ist und so leiste ich mir ein Baguette für 4,70€.

Und auf einmal läuft dort vor mir ein wahrhaft blonder Engel. Sofort ist mir klar, dass dies nur der richtige Weg sein kann, denn ich bin in Paris, der Stadt der Liebe und vor mir läuft die mit Sicherheit schönste Frau von Paris. Sie bleibt stehen, um Ihre Tasche auf die andere Schulter zu hängen und dreht sich zu mir um. Diese Frau hält von vorn tatsächlich alles, was sie von hinten verspricht. Ich bin begeistert von Paris.

Die Seine in Paris, im Hintergrund der EifelturmUnd plötzlich liegt sie vor mir. Nackt, in voller Pracht, prall im Licht der Abendsonne und ich kann nicht anders. Leute, ich bin in Paris und ich bin auch nur ein Mann. Also tue ich dass, was ein Mann tun muss. Ich nehme mein Handy und rufe an. „Schatz, ich stehe mitten in Paris, auf der Seine.“ Es ist laut und wunderschön. Schiffe fahren unter der Brücke durch und ich bleibe viel zu lange stehen. Ich habe erst die Hälfte der Strecke hinter mir.

Ich überquere den Fluss, biege nach links in die Quai de la Tournelle und folge dem Fluss. Hier beginnt nun das Paris, von dem man schwärmt. Straßenmusiker laden die Menschen zum Verweilen ein, man sitzt im Café oder an der Seine, überall buntes Treiben und Musik. Hier könnte ich bleiben. Kann ich aber nicht. Ich muss den Bahnhof Paris Austerlitz suchen. Auf einmal stehe ich auf einem U-Bahn-Schacht, spüre die warme Luft mit dem typischen U-Bahn-Geruch von unten und muss an Marilyn Monroe denken. Keine Ahnung, ob die jemals hier gewesen ist, aber die Kulisse passt.

Ich muss weiter, meine neuen Schuhe drücken und ich erreiche Austerlitz nach einer Stunde und 30 Minuten. Leicht verschätzt.

Ich kann den Weg zu Fuß nur empfehlen, aber man sollte für den Übergang 2 Stunden Zeit haben.

Am Bahnhof gibt es keine Bezeichnungen, von wo die Züge abfahren. Das wird erst bekanntgegeben, wenn die Nachtzüge zum Einsteigen fertig gemacht sind.

Im Zug nach Bayonne habe ich Wagen 23, Liegeplatz 24, Mitte. Es ist warm, die Fenster gehen nicht auf und im Bahnhof geht die Klimaanlage des Zuges nicht. Als ich die Schuhe ausziehe wird die Luft im 6er Abteil zwar nicht besser, aber das ist mir jetzt egal. Ich bin kaputt.

Die Fahrt verläuft sehr flott und bewegt und einer der 5 übrigen Mitreisenden muss immer auf die Toilette. Ich liege angezogen auf der Pritsche, bin durchgeschwitzt und schlecht gelaunt.

Aber ich habe schon einen Mitpilger getroffen. Lorenzo aus Rom, hat das Bett gegenüber und spricht genauso wenig französisch wie ich.

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