03.06.2011 Paris – Frankfurt – Weimar

Mit einer Stunde Verspätung erreiche ich wieder Paris Austerlitz. Die Fahrt durch die Nacht war angenehmer als die Herfahrt. Ein Abteil mit vier Liegen, genügend Platz und die Klimaanlage funktioniert diesmal auch. Nur waschen kann ich mich wieder nicht. Ich hasse es, verschwitzt den Tag zu beginnen und heute habe ich schließlich noch fast 14 Stunden vor mir. Wenigstens die Zähne putzen muss ich mir im wackelnden Zug-Klo. Sollte sich jemand die akrobatische Leistung vorstellen können, wie ich mir ohne Bandscheibenvorfall im Toilettenwaschbecken  die Füße gewaschen habe, der darf mir hier antworten.

Der Zug von Madrid nach ParisIn Paris sehe ich den Zug zum ersten mal bei Tageslicht und bin erstaunt, dass uns dieses Exemplar mit nur einer Stunde Verspätung durch halb Westeuropa gebracht hat. Ich würde sagen, ein kanadisches Bergmodell aus den späten 60er Jahren. Aber dafür ganz flott unterwegs.

In Spanien hatte mir der Schaffner die Fahrkarte und den Personalausweis abgenommen, weil wir in der Nacht die Grenze nach Frankreich überquerten. Offensichtlich wurde noch nicht nach mir gefahndet, ich bekomme die Papiere in Paris wieder ausgehändigt.

Es ist früh am Morgen und Paris empfängt mich wieder einmal mit strahlendem Sonnenschein. Also beschließe ich, mir ein schönes Plätzchen in der Stadt zu suchen und ausgiebig entspannt zu frühstücken.

Wenige hundert Meter weiter liegt sie schon wieder vor mir, Ihr wisst schon, die Seine! Diesmal überquere ich den Fluss gleich, um heute die andere Uferseite zu erkunden. Auf der Brücke muss ich schon wieder stehenbleiben. Der Anblick überwältigt mich, ich muss Fotos machen.

Ein buntes und trotzdem ruhiges Treiben von Frachtschiffen und Ausflugsboten, die trotz der Frühe des Tages schon sehr gut besucht sind. Vermutlich alles rüstige Rentner aus Deutschland auf Kaffeefahrt zur Lamadecken-Verkaufsveranstaltung.

Notre Dame an der Seine auf der Ile de la Cite in Paris

Ich genieße den Anblick und studiere die Gabellungen des Flusses, welche die Schiffe als Einbahnstraßen nutzen. Rechts flussabwärts, links flussaufwärts. Dazwischen liegen immer wieder Inseln mit teilweise monumentalen Bauten. Vermutlich irgendwelche wichtigen Verwaltungs- oder Regierungsgebäude oder vielleicht auch Museen.

Der morgendliche Straßenverkehr ist äußerst hektisch und ich bin sehr froh, hier nicht mit meinem Auto unterwegs zu sein. Einmal ganz davon abgesehen, dass es hier nirgendwo Parkplätze zu geben scheint.

Also überquere ich die vierspurige Kreuzung in der Quai de la Rapèe erst nach Osten, dann nach Norden und danach nach Westen, um endlich die andere Seite der Straße am Fuße der Brücke zu erreichen.

Ich folge ein Stück der Uferpromenade und bleibe an einer Schiffsschleuse  stehen. Hier versucht ein älteres Ehepaar mit seinem Hausboot durch die Selbstbedienungsschleuse vom Port de Arsenal aus die Seine zu erreichen. Die Beiden sind drollig. Er, der Kapitän dieser Miniatur-Titanic, gibt ihr die Kommandos zur Bedienung der Schleuse und für sie wäre es mit Sicherheit die bessere Entscheidung gewesen, in der Kombüse das gemeinsame Frühstück vorzubereiten, als sich hilflos dem Versuch zu unterwerfen, das Boot in der Fahrtrinne zu halten. Ich genieße die wärmenden Sonnenstrahlen und beobachte noch, wie das Pärchen sichtbar genervt, aber erleichtert den Zufluss in Richtung Seine verlässt.

Fröhlich folge ich weiter dem Fluss und erkenne von weitem den Eifelturm. Das ist meine Richtung beschließe ich, denn ich habe heute bis 13:08 Uhr Zeit. Die schweren Wanderschuhe habe ich gegen leichte Treckingsandalen getauscht, das macht zwar meinen Rucksack deutlich schwerer, erleichtert aber das Gehen in der Stadt ungemein.

Am Quai de I`Hótel de Ville  sehe ich ein wunderschönes Straßencafé und lasse mich entspannt nieder. Sonne, Seine, Paris, Frühstück, was will man mehr. Dass es jedoch möglich wäre, vor einer prall gefüllten Theke mitten in Paris zu verhungern, das hätte ich mir nicht träumen lassen.

„Bonjour mon seigneur“ höre ich eine braungebrannte Schönheit sagen. Aus diesem Mund klingt das, wie die Verführung persönlich und diese Frau könnte mir jetzt gerade alles verkaufen. Ihre dunklen langen Haare hängen bis zu ihrem knackigen Po und ihre Reh-Augen schauen mich erwartungsvoll fragend an. Ich ringe kurz um Fassung und bestelle mit zittriger Stimme Crêpe mit Banane und Nutella, wie auf dem großen Schild zur Schau gestellt, und einen Kaffee.

In einem Schwall von Worten, die mir nur so um die Ohren fliegen, versucht sie mir offensichtlich zu erklären, dass es Crêpes nicht gibt, warum weiß ich auch nicht, und nur Kaffee gibt es auch nicht, da muss ich schon genauer sagen, was für einen Kaffee ich will. So habe ich die letzten Tage in den Pyrenäen nicht geschwitzt, wie jetzt. Ich stehe vor einer vollen Theke und will einfach nur frühstücken, aber kein Französisch - kein Frühstück.

Schlange stehen vorm Museum in ParisFrustriert verlasse ich das Etablissement. Ich habe Hunger und brauche einen Plan. Vorm nächsten Cafè hängt eine Speisekarte mit Bildern. Das ist mein Laden. Ich merke mir mein Menü und zeige dem freundlichen Kellner siegessicher mit dem Finger wortlos das Ziel meiner Begierde.

Ich bekomme Crêpes mit Vanilleeis und einen Café au lait. Vu la, geht doch.

Frisch gestärkt wechsle ich wieder die Uferseite über die Isle de la Cite und ziehe weiter in Richtung Eifelturm. Neben dem Justizpalast treffe ich auf eine ungeheure Menschenmenge. So eine Schlange habe ich das letzte mal gesehen, als es bei uns im Dorfkonsum Bananen geben sollte. Ob es welche gab, hab ich nie erfahren. Als ich dran war, gab es jedenfalls keine mehr. Die stehen aber hier nicht nach Bananen an, sie wollen ins Museum. Ich beschließe, angesichts dieser Übermacht, heute ein Kulturbanause zu sein und arbeite mich weiter am Seineufer entlang in Richtung Place de la Concorde. Ein Blick zur Uhr verrät mir, dass es Zeit ist, eine Entscheidung zu treffen. Entweder ich schaffe es bis 13:00 Uhr zum Bahnhof Gare de l´Est und bekomme meinen ICE nach Frankfurt, oder ich bin um 13:00 am Eifelturm und damit 7 oder 8 Kilometer vom Bahnhof entfernt. Also mache ich noch ein Foto vom Eifelturm aus der Ferne, überquere zum dritten mal die Seine und haste die bekannte Strecke über den Boulevard de Sebastopol und den Boulevard de Strasbourg hoch zum Bahnhof Paris Gare de l´Est. Bei Tage sieht die Gegend weitaus einladender aus, als in der Nacht. Nur scheint es so, als würden hier heute die Claims zwischen dunkelhäutigen Straßengangs neu abgesteckt und ich befinde mich gerade dazwischen. Man interessiert sich zwar nicht wirklich für mich, die Jungs tragen aber Werkzeuge bei sich, mit denen sie sicherlich keine Garage hochmauern wollen. Es ist durchaus möglich, dass ich deshalb noch relativ viel Zeit am Bahnhof habe, um in meinen ICE nach Frankfurt zu steigen.

Die Seine in Paris im Hintergrund der Eifelturm

Nun sitze ich entspannt am Fenster und muss an die erotische Stimme der langhaarigen Schönheit im Café  denken. Hätte sie nur ein bisschen deutsch oder englisch gesprochen, wir hätten uns sicher großartig verstanden.

Die Fahrt nach Frankfurt verläuft unspektakulär. Ich sitze mit netten Menschen zusammen und wir unterhalten uns unverbindlich über Paris, Wetter, Politik und man hört gespannt meinen ersten  Erlebnisberichten der letzten Tage zu.

Mir bleiben 12 Minuten Zeit zum Umsteigen auf Gleis 9 in meinen ICE nach Weimar. Der Zug soll eigentlich nur aus Wiesbaden kommen, wahrlich keine Entfernung, aber wir haben bereits beim Start 20 Minuten Verspätung. Super, ich habe in Weimar nur 18 Minuten Zeit. Die Fahrt zieht sich und in Fulda haben wir bereits 35 Minuten Verspätung. Auf die vielen Anfragen an die Schaffnerin, ob denn die Reisenden ihre jeweiligen Anschlusszüge bekommen, reagiert diese irgendwann nur noch genervt mit der Aussage: „Das werden wir Ihnen dann rechtzeitig vor Erreichen des Bahnhofes über die Bordlautsprecheranlage bekanntgeben.“ Soviel darf ich schon vorwegnehmen, so lange ich mitgefahren bin, hat keiner mehr seinen Anschlusszug erwischt.

Der Zug wird gefühlt immer langsamer und zwischen Erfurt und Weimar ist auch noch eine Baustelle. Wir stehen auf freier Strecke und warten. Als wir endlich Weimar erreichen, ist mein Anschluss natürlich weg. Meine bessere Hälfte hat allerdings mitgerechnet, als ich sie in Fulda angerufen hatte und empfängt mich strahlend auf dem Bahnsteig. Ich bin glücklich, meine Frau wieder in den Armen zu halten. Wir stehen eine ganze Weile so da und verhalten uns wie Teenager, die sich sehr lange (mindestens 5 Minuten) nicht gesehen haben. Das tut wirklich gut.

Auf dem Weg durch die Bahnhofshalle fällt mir noch ein, dass man das Geld für die Fahrkarte zurückbekommt, wenn wegen Verspätung der Anschlusszug weg ist. Also suche ich den Informationsschalter der Deutschen Bahn.

Und jetzt schämt Euch – Deutsche Bahn und – Kulturstadt Weimar!

Ein Dorfbahnhof mitten in Niger ist weltoffener, freundlicher, kompetenter, hilfsbereiter und internationaler als der Service Point der Deutschen Bahn in der Kulturstadt Weimar.

Ein junges Mädel steht völlig aufgelöst vor der korpulenten Dame vom Bahnhofspersonal und möchte nichts weiter als eine offizielle Fahrkarte mit dem Nachtzug nach Luzern mit der dazu passenden Fahrplanauskunft. Die Dame füllt in ihrem Umfang hervorragend den Infoschalter aus, jedoch leider nicht in ihrer Funktion. Zu allem Unglück spricht das Mädel nur englisch und die Angestellte nur weimaranisches Sächsisch. Das ist wirklich peinlich. Ich schäme mich für meine eben erst wieder betretene Heimat. Hilfesuchend und den Tränen nahe wendet sich die junge Ausländerin an mich. Ich versuche, zwischen den Beiden zu vermitteln. In den letzten Tagen war ich ständig unter Fremden und musste mich in Englisch verständigen, das hilft mir jetzt weiter und so schaffen wir es gemeinsam, eine Verbindung von Weimar nach Luzern für die Austauschstudentin zu finden. Sie ist sichtbar erleichtert, aber was jetzt folgt, das haut dem Fass den Boden raus. Auf meine Bitte, nun für die Ausländerin eine Fahrkarte auszustellen, erwidert mir die Füllige, dass könne sie nicht, das geht nur am Automaten und dorthin mitgehen könne sie auch nicht, schließlich warten noch andere Fahrgäste auf Ihre Hilfe.

Ich will es kurz machen, wir haben es nicht geschafft, gemeinsam am Automaten eine Fahrkarte zu buchen und die Bahn braucht sich auch nicht über eventuelle Schwarzfahrer zu beschweren, bei diesem „Service“. Und für eine Stadt wie Weimar, ist es eine Schande, mit seinen Gästen so umzugehen. Das ist keine Thüringer Gastlichkeit! Schämt Euch!

Eine Erstattung meines Fahrpreises habe ich auch nicht bekommen, schließlich hätte ich ja auch noch den nächsten Zug nehmen können. Die Dame hinter mir hat`s da schon schwieriger. Sie wollte noch bis Glauchau, der letzte Zug fährt aber nur bis Jena-Göschwitz. Nun die verblüffende Antwort der Bahndame, dann solle sie eben bis dorthin fahren und sich dann bestätigen lassen, dass sie nicht weitergekommen ist. Ganz toller Plan. 

Jakobsmuschel

Dort gibt es absolut garnichts, nicht mal eine Toilette. Danke Deutsche Bahn.

Da bin ich doch froh, dass mich mein Schatz abgeholt hat, setze endlich den schweren Rucksack ab und wir fahren gemütlich nach Hause.

So viele offene, nette, freundliche und hilfsbereite Menschen sind mir in den letzten Tagen begegnet, nur in Weimar war das anders.

Meine Füße schmerzen. Danke, dass Ihr mitgereist seid!

 

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